Die Zeit
36/2003
Moderne
Sklaverei
Die
Kindersoldaten leiden lebenslang an ihren Ängsten.
Ein
Interview mit Andreas Rister von Terre des Hommes
ZEIT: Wo überall
werden heute Kindersoldaten eingesetzt?
Andreas Rister: Es gibt zurzeit 36 Kriege
weltweit, in denen Kindersoldaten kämpfen, in Afrika,
Lateinamerika, Asien. In Europa hat sich die Zahl verringert,
seit der Jugoslawien-Krieg beendet ist. Aber im Kaukasus gibt
es nach wie vor Kindersoldaten. Die meisten minderjährigen
Soldaten werden in Burma rekrutiert beziehungsweise in Myanmar,
wie die Militärregierung das Land jetzt nennt. Dort soll
es Schätzungen zufolge 70000 Soldaten unter 18 Jahren
geben. Der Kontinent mit den meisten Kindersoldaten ist aber
Afrika, 120000 kämpfen hier in verschiedensten Gruppen
und Rebellenorganisationen, auch in staatlichen Armeen.
ZEIT: Gab es immer schon Kindersoldaten, oder
handelt es sich um ein neuzeitliches Phänomen?
Rister: Kinder haben von jeher an Kriegen
teilgenommen. Aus dem Mittelalter ist der Knappe bekannt, der
beim Ritter gewissermaßen in Ausbildung war. Es gibt
Berichte über die englische Kriegsflotte, wo die Kindersoldaten
powderapes hießen, also „Pulveraffen". Diese
Kinder standen in den Schlachten vorn an den Kanonen, um die
Rohre zu befüllen; dafür musste man klein sein. Im
Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland den so genannten Volkssturm,
also das letzte Aufgebot des Hitlerregimes aus ganz Alten und
ganz Jungen.
ZEIT: Was macht heute das Schicksal von Kindersoldaten
aus?
Rister: Besorgniserregend ist in den letzten Jahren die Entwicklung von sehr
leichten, einfach zu bedienenden Waffen. Das hat die Altersgrenze noch weiter
nach unten gedrückt. Kriege in zerfallenden Staaten wie Liberia oder Sierra
Leone dauern quälend lange, dies führt dazu, dass die Krieg führenden
Parteien auf immer jüngere Soldaten zurückgreifen, weil die Älteren
geflohen oder längst tot sind. Als besonders schlimm empfinde ich, dass
Kinder zwangsrekrutiert werden, nur damit die Gegner sie nicht kriegen. In
manchen Regionen dient die Rekrutierung von Kindersoldaten auch als Instrument
zur Unterdrückung von oppositionellen Gruppen und Ethnien. Das Schicksal
vieler Kindersoldaten ist eine Form der Sklaverei.
ZEIT: Was passiert mit den jungen Mädchen?
Rister: Sie stellen mit 30 Prozent einen sehr
hohen Anteil an den Kindersoldaten. Sie werden nicht nur als
Kämpferinnen rekrutiert, sondern auch, um die sexuellen
Bedürfnisse' der Soldaten zu bedienen.
ZEIT: Was hat es zur Folge, wenn Kinder in Kriegen
Gewalt erfahren und auch selbst angewendet haben?
Rister: Viele Kinder und Jugendliche werden
verwundet, sie erblinden, werden taub vom Explosionslärm,
verlieren Gliedmaßen. Die meisten von ihnen leiden im Erwachsenenalter
unter einem posttraumatischen Stresssyndrom. Das heißt,
wenn bestimmte Schlüsselreize auftreten, zum Beispiel eine
zuschlagende Tür, die als Knall wahrgenommen wird, dann
kommen die ganzen Ängste und Traumatisierungen wieder hoch.
Hinzu kommt, dass die Kinder keine Menschen mehr haben, denen
sie vertrauen können. Ihre Eltern, ihre Familie haben sie
meist verloren.
ZEIT: Können diese Kinder als Erwachsene
wieder Gefühle entwickeln und andere Menschen lieben?
Rister: Ja. Es gibt Untersuchungen, die bestätigen:
Es gibt ein psychisches Zurück. Voraussetzung ist allerdings,
dass die materielle Lebenssituation dieser Jugendlichen nicht
völlig katastrophal ist und dass man sich wirklich um sie
kümmert und sich um sie bemüht. Problematisch ist es,
wenn die Kinder sich selbst überlassen werden. Dann steigt
die Gefahr, dass sie sich mit Waffengewalt besorgen, was sie
zum Leben brauchen.
ZEIT: Welche Initiativen zur Wiedereingliederung
von Kindersoldaten gibt es?
Rister: Es gibt Programme in verschiedenen Ländern.
Ein Beispiel ist Sierra Leone. Familienzusammenführung ist
dort eine Maßnahme, die Rückführung in die Ursprungsgemeinden,
was immer davon noch übrig ist. Dazu gibt es Ausbildungsangebote.
Wichtig ist aber auch die Prävention. Aufklärungsarbeit
kann dazu beitragen, dass gefährdete Kinder lernen, wie
sie sich gegen Rekrutierung.wehren können. Terre des hommes
unterstützt zum Beispiel in Kolumbien Aufklärungskampagnen
gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten. Es ist entscheidend,
dafür zu sorgen, dass bewaffnete Gruppen, Rebellen, aber
auch die Staaten keinen Zugriff auf die Kinder haben. -
ZEIT: Wie lässt sich das erreichen? Hat
die Staatengemeinschaft dazu die Möglichkeit?
Rister: Sie kann zum Beispiel, worauf ich setze,
das neue Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention vom
Februar 2002 anwenden. Darin verpflichten sich die Staaten, keine
Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren mehr einzuziehen. Das
ist ein völkerrechtliches Instrument und inzwischen von
50 Ländern ratifiziert. Die UN haben sich außerdem
im Weltsicherheitsrat schon viermal mit der Frage beschäftigt.
Beim letzten Mal wurde eine Liste jener Staaten erstellt, die
in Sachen Kindersoldaten unter besonderer Beobachtung der UN
stehen. Große Hoffnungen setze ich auf den Internationalen
Strafgerichtshof in Den Haag, der demnächst arbeitsfähig
sein wird. Nach seinem Statut kann als Kriegsverbrecher verurteilt
werden, wer unter 15-Jährige in den Krieg schickt. Das bedeutet,
der Strafgerichtshof kann Anklage erheben, die Kriegsverbrecher
festnehmen und aburteilen. Das sind alles keine Patentrezepte,
aber wir sind ein Stück weitergekommen, es gibt heute ein
Bewusstsein für das Unrecht, das da geschieht.
Andreas Rister ist bei der Kinderhilfsorganisation terre des hommes Referent
für Kinder in bewaffneten Konflikten.
Fragen von Roland Kirbach
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