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Allgemeinbildendes Gymnasium mit sprachlichem,
naturwissenschaftlichem und künstlerischem Profil

 

Das Droste im Rückblick

Die „Ostfahrten" am Droste seit 1981

von Kurt Pisters in der Festschrift "50 Jahre Droste" 1996

An einem sonnigen Septembertag des Jahres 1981 robbte eine Gruppe von Droste-Abiturienten auf bayerischer Seite, schußbereit mit Teleobjektiven bewaffnet, in Richtung der monströsen Wachtürme auf DDR-Seite. Das war der Beginn eines Abenteuers, das in heimlichen Treffen mit DDR-Jugendlichen in abgedunkelten Räumen des Naumburger theologischen Seminars gipfelte.

Ostreisen" haben am Droste seit 1981 Tradition: In den letzten 15 Jahren wurden von vielen Lehrern insgesamt 4 Studienreisen in die DDR, mehrere nach Prag, eine nach Ungarn, zwei nach Rußland und zwei nach Polen organisiert.

Das Droste war die erste Schule in Baden-Württemberg, die Studienreisen in die frühere DDR unternahm. Dies war 1981 nur mit kultusministerieller Sondergenehmigung möglich, da das Kultusministerium befürchtete, unsere Schüler könnten kommuni- stisch indoktriniert werden. Die Studienfahrten in die DDR wurden in der Regel durch Wochenendseminare vorbereitet und führten zu zahlreichen persönlichen Begegnungen mit DDR-Bürgern, vor allem mit Jugendlichen, sei es auf der Straße, in Restaurants, in Zügen, in Jugendclubs oder in Kirchen. Es waren erschütternde Erlebnisse dabei: In Eisenach mußten wir zwei mitreisende Jugendliche aus der DDR zurücklassen. Sie hatten die Hoffnung gehabt, im Bus versteckt, mit uns in den Westen reisen zu können. Ein andermal, kurz vor der „Wende", erlebten wir, wie bei der Zugausreise Schäferhunde auf die Wagen losgelassen wurden, um nach „Republikflüchtigen" zu suchen. Die beunruhigende Ambivalenz deutscher geschichtlicher Tradition zwischen Humanität und Barbarei erfuhren unsere Abiturienten sehr unmittelbar an vielen Orten, am eindrücklichsten in Weimar und Buchenwald.

So waren diese Studienfahrten in die DDR keine „touristischen" Unternehmungen konsumversessener, verwöhnter Westler, zumal die Übernachtungen nicht selten sehr spartanisch waren. Vielmehr öffneten sie lange vor dem Fall der Mauer ein Tor in den Teil Deutschlands, der den meisten Schülern unbekannt und unzugänglich war. Nach einer Woche DDR sahen wir die Menschen „drüben" und unsere eigene Geschichte mit anderen, wacheren Augen.

Die Gorbatschow-Ära erweiterte den Blick auf die Länder im Osten, v.a. auf die Sowjetunion selbst. „Rußland zu entdecken" schien plötzlich möglich, erst recht, als mit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Reisen erleichtert wurden.

Schüler eines Geschichtsleistungskurses waren besonders interessiert und bereit, für die Finanzierung der immer noch hohen Kosten in den Ferien selbst Geld zu verdienen. Mit dem Studienhaus Wiesneck wurden diese Reisen ebenso wie die DDR- und die späteren Polen-Reisen thematisch vorbereitet. Es wurde ein individuelles Programm erarbeitet, das neben den Besichtigungen in Moskau auch Begegnungen unserer Schüler mit russischen Schülern ermög- lichte, die als erste Fremdsprache Deutsch gewählt hatten. Zur Begegnung in Schulen und auf Exkursionen kam ein halbtägiger Aufenthalt mit Übernachtung in russischen Gastfamilien hinzu.

So intensiv und herzlich die Begegnungen auch waren, ein Austausch zwischen den Schulen gelang nicht, weil die organisatorischen und finanziellen Probleme zu groß erschienen. Einen besonderen Reiz hatten die 1991 und 1992 durchgeführten Moskau-Reisen auch dadurch, daß wir das Stadtgebiet verlassen und für zwei Tage in das „alte Rußland" fahren konnten, nach Wladimir und Susdal. - Sicher waren wir auch Touristen, schon einfach deshalb, weil alles im vor- aus organisiert werden mußte und weil die Sprach- barriere spürbar blieb. Wer jedoch die orthodoxen Kirchen betreten, die liturgischen Gesänge gehört hat, wer die religiöse Scheu im Lenin-Mausoleum erlebt und die Bettelnden und Verarmten vor den Metrostationen beobachtet hat, wer die Weite des Landes und die Beengheit der Wohnungen erfahren hat, wer mit jungen Russen und Russinnen gespro- chen hat, und sei es auch nur durch Gesten, dem wird dieses Rußland mit all seinen Gegensätzen nicht mehr so fremd und unzugänglich sein.

Daß der „schlafende Riese" im Osten uns in den nächsten Jahrzehnten immer näher rücken wird, ob wir es wollen oder nicht, ist gewiß. Und in dieser Erkenntnis sind die bisherigen Studienfahrten von Wirtschaftskreisen finanziell gefördert worden.

In den Jahren 1994 und 1995 wurden zwei Studienfahrten nach Polen organisiert. Den meisten Teilnehmern erschien Polen vor Reisebeginn als ein fernes, unbekanntes Land „auf halbem Weg nach Moskau". Tatsächlich ist weder die historische Westorientierung der Polen noch ihr heutiger Wunsch, ein integrierter Teil Europas zu werden, im Bewußtsein der meisten Deutschen verankert. Das mag auch daran liegen, daß die Geschichte Deutschlands und Polens seit dem Mittelalter in vielfältiger Weise verflochten ist, teils auf fruchtbare, teils auf unglückselige Weise. Der Warschauer Aufstand 1944 und Auschwitz stehen für traumatische Begegnungen, die bis in die Gegenwart in der Psyche der Völker und in ihrem Umgang miteinander präsent sind. Deutsche können in Polen in einen Spiegel ihrer eigenen Geschichte sehen.

Einige Eindrücke und Erfahrungen der beiden Polen-Reisen wirkten auf den nüchternen Mitteleuropäer zugleich exotisch-bizarr und liebenswürdig, so die „wunderbare Erscheinung der tausend Kleriker" in Jasna Goras (Tschenstochau), der Eifer des Paters Seraphim, der uns partout an Tausenden von Pilgern vorbei direkt vor das Angesicht der Schwarzen Madonna führen wollte und nur durch die leibhaftige Erscheinung des vormaligen polni- schen Staatspräsidenten daran gehindert wurde. - Erstaunlich fröhlich und unbeschwert verliefen die Begegnungen mit den polnischen Schülerinnen und Schülern zweier deutschsprachiger Oberschulen in Krakau und Warschau. Nur etwa eine Busstunde entfernt von der malerischen Altstadt Krakaus liegt Auschwitz. Unsere Besuche fielen nicht in die Zeit des befürchteten KZ-Tourismus. Unsere kleine Gruppe scharte sich um einen pensionierten Lehrer, der im Dorf Auschwitz geboren und aufgewachsen war. Als Kind hatte er die Nähe des Grauens erfah- ren, und er sprach sehr leise, langsam und wenig, als er uns zu den Dokumenten und durch die Räume führte, in denen jeder von uns allein gelassen blieb, weil die Sprache unangemessen schien, manchmal auch versagte. Es war eine sehr stille Rückfahrt im Bus nach Krakau.Von beiden Studienreisen blieben den Schülern und begleitenden Lehrern vor allem die persönlichen Begegnungen mit Polen in Erinne- rung und dann solche Orte, in denen wir auf Verflech- tungen der deutschen und polnischen Geschichte tra- fen, zum Beispiel vor Schindlers Fabrik in Krakau, vor den Mahnmalen in Warschau, in den Hallen der Marienburg, vor der Westerplatte und in den Straßen Danzigs.

Von der ersten Reise 1981 nach Naumburg und Weimar/Buchenwald bis zur vorerst letzten 1995 nach Krakau/Auschwitz und Danzig hatten diese Fahrten oft etwas von einer Zeitreise in eine Vergangenheit, die plötzlich lebendig und sichtbar wurde.

Eine Schülerin, die 1982 Abitur am Droste machte, überschrieb ihren in der Wochenzeitung „Die Zeit" 1982 veröffentlichen Artikel über die erste DDR-Studienreise unserer Schule mit den Worten: „Wie in einem alten Film".

Kurt Pisters

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