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Geschichte des Droste-Hülshoff-Gymnasiums 1946-1976

Von Erika Wellmer und Michael Tocha

anläßlich der 30-Jahr-Feier 1976
(
gekürzte Fassung)

Die eigentliche Geschichte des Droste-Hülshoff-Gymnasiums beginnt mit dem Jahr 1946. Zwischen dem Kriegsende 1945 und dem Gründungsjahr unserer Schule liegt auch für den Bereich der Schule eine denkwürdige Zeit. Es ist allerdings nicht zu berichten von einem glanzvollen Neuanfang, sondern vielmehr von der Wiederaufnahme des Unterrichts sozusagen aus dem Nichts. Der Krieg hatte große Teile Freiburgs in Trümmer gelegt. Von den Höheren Schulen war das alte Berthold-Gymnasium gegenüber dem Stadttheater vom Erdboden verschwunden, die Rotteck- und die Ludendorff-Oberrealschule (heute Kepler-Gymnasium) waren schwer beschädigt und in diesem Zustand nicht sofort verwendbar, die Hindenburgschule (heute Goethe-Gymnasium) war von der französischen Besatzungsmacht belegt, so daß für alle Freiburger Höheren Schulen nur das unbeschädigte Friedrich-Gymnasium am Ludwig-Aschoff-Platz zur Verfügung stand.

Politisch hatte das alte Baden aufgehört zu existieren. Der Rumpfstaat Baden mit Freiburg als Hauptstadt stand unter französischer Besatzungshoheit, besaß aber eine eigene „Regierung". Für das Unterrichtswesen war bei Wiederbeginn der Schulen Herr Ministerialdirektor Dr. Ott zuständig. Er traf auf die oben geschilderte räumliche Situation. Um überhaupt anfangen zu können, wurde am Aschoff-Platz zunächst ein dreischichtiger Unterricht eingerichtet: je nach Klassenstufe reduzierte man die Stundentafeln auf 12 - 20 Stunden. Die Knaben-Oberrealschulen und die Mädchen-Oberrealschule teilten sich für den Unterricht den Vormittag, und das humanistische Gymnasium hatte am Nachmittag Schule.

Mit diesem dürftigen Unterrichtsangebot war immerhin der Anfang gemacht. In der unmittelbaren Folgezeit verbesserte sich die Überbelegung dadurch, daß die Mädchen-Oberrealschule (zum Teil) in das Gebäude des 1941 aufgehobenen St.-Ursula-Gymnasiums auswich und das Rotteck- und Kepler-Gymnasium beziehbar gemacht wurden. Nachdem das St. Ursula-Gymnasium aber am 14. Januar 1946 seinen Betrieb wieder aufgenommen hatte, machte die neue Raumnot eine Regelung notwendig.

In einem Erlaß vom 29. Juli 1946 verfügte das Badische Unterrichtsministerium die Teilung der Mädchen-Oberrealschule. Der Stamm verblieb zunächst an der Eisenbahnstraße, der andere Teil kehrte als Mädchen-Oberrealschule II an den Aschoff-Platz zurück. Und in einem Erlaß vom 28. September 1948 wurde die Namensnennung geregelt: aus dem numerierten Mädchen-Gymnasium wurde das Droste-Hülshoff-Gymnasium. Welche Überlegungen zu diesem Beschluß führten, ist heute nicht mehr festzustellen, dagegen kann als sicher gelten, daß die Lehrerkonferenz der M. 0. sich mehrheitlich mit dem Namen einverstanden erklärte.


Die neue Mädchen-Oberrealschule nahm zu Schuljahrsbeginn 1946/47 mit 17 Lehrkräften und 342 Schülern in 13 Klassen ihren Betrieb auf. Zu ihrem Leiter wurde im September Herr J. Longerich bestellt, der von 1920 - 46 Professor an der Hindenburgschule und dann für wenige Monate Direktor des Konstanzer Mädchen-Gymnasiums gewesen war. Mit dem Droste war eine kleine Schule entstanden, die Chancen zu einer ruhigen Entwicklung gehabt hätte, wenn die Zeitumstände danach gewesen wären. Aber das damalige Leben im allgemeinen und das Schulleben im besonderen standen im Zeichen der Belastungen und Schwierigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit. Es herrschte der Mangel: es gab keine Lehrbücher, da die bisherigen verboten, neue noch nicht geschaffen waren, so daß der Unterrichtsstoff durch mühselige Vervielfältigungen oder durch Diktat dargeboten werden mußte, Schreibwaren waren rar für Lehrer wie Schüler, im Winter fehlte es an Heizmaterial, so daß Unterricht ausfallen mußte (Kohlenferien!) oder verkürzt in kalten Klassenzimmern gehalten wurde; das Mobilar war ein Sammelsurium, das man sich irgendwo beschafft hatte, die Holzkiste als Papierkorb galt als Zeichen des Fortschritts. Gravierender war der Lehrermangel: viele Lehrer waren nicht oder noch nicht aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückgekehrt, andere mußten zunächst das Entnazifizierungsverfahren durchlaufen. Daß Lehrer und Schüler täglich Hunger litten, ergänzt das dunkle Bild dieser schweren Zeit. In diesem Zusammenhang sollen in Dankbarkeit die Schweizer-Quäker-Speisungen erwähnt werden, die auch im Droste durchgeführt wurden. All dies traf nicht nur unsere Schule allein. Anders war es mit der größten Belastung, die sich aus der eingangs geschilderten Schulsituation Freiburgs ergab: das Droste besaß kein eigenes Gebäude, und es gab zu dieser Zeit kaum Hoffnung auf eine baldige Änderung dieses Zustands. Das Schulhaus am Aschoff-Platz, das einmal für höchstens 450 Schüler erbaut worden war, gehörte rechtmäßig dem humanistischen Gymnasium, dem Berthold-Gymnasium. Sein Schicksal war es, unsere Schule aufnehmen zu müssen, unser Schicksal, für viele Jahre „Untermieter" zu werden. Das hieß in der Praxis, daß nach der Einführung normaler Wochenstundenzahlen das Schulhaus von morgens bis abends voll belegt war, daß beide Schulen Schichtunterricht hatten, wobei die Schichten: Vormittags-Nachmittagsunterricht zunächst monatlich, später aber wöchentlich wechselten. Wenn man diesen Schichtunterricht nicht selbst erlebt hat, muß man viel Fantasie aufbieten können, um die Belastungen für alle Beteiligten, Direktion, Lehrer, Schüler, Eltern und die zugehörigen Familien, erahnen zu können. Hatte man vormittags Unterricht, war die Welt in Ordnung, der Tagesrhythmus verlief normal. Nicht so dagegen beim nachmittäglichen Unterricht. Beinahe nahtlos lösten die beiden Schulen sich ab. Daß hier Luft und Sauberkeitsprobleme anstanden, war von geringerer Bedeutung als die Tatsache, daß der Tagesrhythmus jetzt auf dem Kopf stand. Zur Zeit des größten Leistungsabfalls mußte mit der Hauptarbeit des Tages angefangen werden. Da der Unterricht am Nachmittag bis 18.15 Uhr dauerte, machten sich die Schülerinnen, auch die kleinen, im Winter erst nach Einbruch der Dunkelheit auf den Heimweg — ein Zustand, der, je länger er dauerte, desto mehr ein Ärgernis wurde, besonders auch, weil relativ viele Auswärtige davon betroffen waren. Der Schichtunterricht mit seinen inhumanen Erscheinungen hat volle 12 Jahre gedauert. Erst 1958 war der Neubau für das Berthold-Gymnasium an der Hirzbergstraße bezugsfertig. In der Festschrift zu diesem Anlaß meint man geradezu ein Aufatmen über das Ende der „großen Not" des „unseligen" Schichtunterrichts zu vernehmen.

Der Umzug des Berthold-Gymnasiums war im selben Sinne ein Tag der Freude für das Droste. Aber es fehlte nicht der Tropfen Wermut im Becher der Freude: Den Schichtunterricht hatte man hinter sich, aber mit neuer räumlicher Beengung mußte man fertig werden. Einige Unterstufenklassen eines zukünftigen Friedrich- Gymnasiums verblieben als Grundstock im Erdgeschoß der Schule, während in unserer Schule wegen der großen Zahl der Neuanmeldungen die Anzahl der Klassen vorübergehend von 18 auf 20 erhöht werden mußte. Es liegt nahe, bei diesen Zuständen sich einen unproduktiven und tristen Schulalltag auszumalen. Aber er war weder das eine noch das andere. In dem Maße, in dem sich das Leben überhaupt normalisierte, normalisierte sich auch das schulische Leben. Die Lehrer dieser Jahre kamen nicht nur ihrem dienstlichen Auftrag voll nach, sondern haben aus Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen dieser schweren Jahre, deren Schulbildung vielfach gestört und unterbrochen war, ein möglichst „normales" Schulleben angestrebt und auch ermöglicht. Davon legen erfolgreich abgelegte Reifeprüfungen ebenso Zeugnis ab wie eine rasche Entfaltung musischer Tätigkeit. Zum Beleg seien die allerersten genannt: im Dezember 1948 eine Mozartfeier im Maria-Hilf-Saal, ein Weihnachtssingen im selben Jahr im Kaufhaussaal; 1950 eine Drostefeier, in der die Schulpatronin nicht nur als Dichterin, sondern auch als Liederkomponistin gewürdigt wurde. — Im Dezember 1952 zeigten die Schülerinnen in einer ersten Ausstellung Web- und Metallarbeiten und begründeten damit eine schöne Tradition.


Das Generalthema der Jahre 1958—1966 war Planung und Fertigstellung eines eigenen Schulhauses, aus vielerlei Gründen ein schwieriges Problem. Zwei Direktoren widmeten ihm als Leiter der Schule ihre Zeit und Kraft, ihre Energie und Ausdauer. Nachdem Herr Direktor Longerich 1953 in den Ruhestand getreten war, übernahm Herr Professor Dr. Greiner, bis dahin Fachleiter für Französisch und Lehrer am Rotteck-Gymnasium, sein Amt. Nach seiner Pensionierung folgte ihm 1964 Herr Direktor Ketterer, der am Rotteck-Gymnasium stellvertretender Schulleiter gewesen war. Natürlich wollte und brauchte das Droste ein eigenes Schulhaus, natürlich sollte es eines bekommen. Die Frage war nur: wo, wann und wie. Und diese Frage hielt alle Beteiligten jahrelang in Atem und erhitzte die Gemüter, denn es gab auch hier Interessenkonflikte. Auf diese Weise dauerte es 20 Jahre, bis unsere Schule eine „Heimat" hatte, ein eigenes Schulgebäude. Das Schulhaus am Aschoff-Platz blieb auch nach dem Auszug des BG für das Droste nur „Asyl", da es auf lange Sicht für das wieder zu errichtende Friedrich-Gymnasium vorgesehen war. Überdies war es für die Bedürfnisse eines math.- naturwissenschaftlichen Gymnasiums nur unvollkommen ausgestattet. So blieb als einzige Lösung ein Neubau. Nach dem Generalbebauungsplan der Stadt vom Jahre 1955 sollte dieser Neubau „Auf dem Mättle" an der Schlüsselstraße errichtet werden, während für die neue Herderner Volksschule (heutige Weiherhof-Schule) das Gelände an der Brucknerstraße vorgesehen war. Das Grundstück an der Schlüsselstraße war unbestritten das bessere, günstiger im Schnitt und zentraler gelegen. So setzte alsbald ein Tauziehen zwischen den Anhängern der einen und der anderen Schule um diesen Standort ein. Insbesondere vertrat der Herderner Lokalverein die Ansicht, daß nur die Volksschule in Verbindung mit einer öffentlichen Bücherei, mit Mütterberatungsstelle, Volksbad und Versammlungsraum das kulturelle Zentrum des Stadtteils darstellen könne. Dieser Meinung schlossen sich schließlich auch Schulausschuß und Stadtrat an und beschlossen 1957/58 den Austausch der Standorte.

1958 wurde der Droste-Neubau zusammen mit den Handelslehranstalten II (Fehrenbachallee) auf den Dringlichkeitsplan für Schulneubauten gesetzt; doch zeigte sich bereits ein Jahr später, daß die begrenzten Finanzmittel der Stadt zwei derartige Projekte zur gleichen Zeit nicht zuließen. Da die Entlastung der Handelslehranstalten an der Glümerstraße mit 63 Klassen bei 36 Räumen noch vordringlicher war, wurden die Planungen für das neue Droste zunächst wieder eingestellt. Diese Entwicklung begreift man aus der zeitlichen Distanz als verständlich und folgerichtig. Wer aber dringend auf einen Zug wartet, wird trotz der ihm bekannten Gründe für die Verspätung immer ungeduldiger. So wurde ein „engerer Architektenwettbewerb", der 1962 ausgeschrieben wurde, hoffnungsvoll begrüßt. Sechs Architekten, die sich im Schulhausbau bereits hervorgetan hatten, wurden aufgefordert, bis zum 11.4.1963 ihre Entwürfe einzusenden. Dem Preisträger sollten auch die weiteren Planungen übertragen werden. Im Frühjahr 1963 entschied sich das Preisgericht dann für den Entwurf des Stuttgarter Architektenbüros Behnisch und Partner, später in weiten Kreisen bekannt und berühmt geworden durch das Olympia-Zeltdach in München. Im Juli 1964 gab der Gemeinderat grünes Licht für den Bau, im Frühjahr 1965 konnten die Bauarbeiten beginnen, als Termin für die Fertigstellung war der 31. Juli 1967 vorgesehen. Das Droste freute sich, unbeeindruckt, in seiner vorwiegend jugendlichen Unbekümmertheit, von den Baukosten in Höhe von 9,9 Mill. DM.

DHG, Bau1

Als die Bauarbeiten begannen, war Herr Direktor Ketterer bereits Leiter der Schule, und er trug nun seinen Teil Verantwortung an dem Neubau. Nicht einmal das damalige Kollegium konnte ermessen, in welchem Maße er engagiert war und sich engagieren mußte, um die Interessen der „lebendigen" Schule gegenüber Gremien der Stadt und den Architekten zu vertreten. Als es um die Innenausstattung, besonders der Fachräume, ging, wurden auch die betreffenden Fachlehrer hinzugezogen. Wie um die lange Wartezeit wettzumachen, machte der Bau schnelle Fortschritte. Die Rohbauzeit wurde durch Montagebauweise in Fertigteilen so beschleunigt, daß bereits am 9.12.1965 das Richtfest gefeiert werden konnte, und knapp ein Jahr später, am 1.12.1966, dem Beginn des 2. Kurzschuljahres, zog die Schule in ihr neues Haus ein. Die Turnhalle war schon am 1.Oktober und einzelne Räume einen Monat später freigegeben worden. Die Schlüsselübergabe und die offizielle Eröffnung der neuen Schule erfolgten am 17. März 1967.

DHG, Bau2Daß der Neubau nicht unumstritten war, ist kein Geheimnis. Während die einen seine architektonische Aufgeschlossenheit und nüchterne Sachlichkeit lobten, bezeichneten andere den grauen Sichtbeton als „Herausforderung". Es ist hier nicht der Ort, sich mit diesen Auffassungen auseinanderzusetzen. Auch Angehörige des Droste fanden den in die Wohnlandschaft Herderns eingebetteten Bau mit seinen Terrassen gut gelungen, während andere vom Sichtbeton schockiert waren; der allergrößte Teil der Jugend aber, der aus dem damals noch nicht renovierten Schulgebäude von „anno dazumal" kam, fühlte sich im neuen Haus wohl. Der Leserbrief einer Oberprima soll stellvertretend für diese Einstellung sprechen: „Die Klasse Oberprima b des Droste-Hülshoff-Gymnasiums fühlt sich durch den neuen Schulhausbau in keiner Weise „herausgefordert"; im Gegenteil: im Vergleich zum alten Schulgebäude am Ludwig-Aschoff-Platz, das uns in seiner wilhelminisch überladenen Architektur eher bedrückte und mit zu einem Gefühl der Schulunlust beitrug, fühlen wir uns jetzt im Neubau auf erfreuliche Art „hereingefordert". Wir empfinden die sogenannte „graue Nüchternheit" des Hauses durchaus nicht störend. Sie vermittelt vielmehr eine Atmosphäre der Sachlichkeit, wie wir sie uns für unsere Schule als Idealfall wünschen. Gemütlichkeit haben wir daheim..." (22. März 1967)


Der Einzug ins neue, ins eigene Haus war für unsere Schule ein Tag der Erlösung und der Freude, und diesen Gefühlen gab auch, einige Monate später, die offizielle Feier Ausdruck — in den Reden und in einem Singspiel, wo Schülerinnen noch einmal von dem „fremden" Haus Besitz ergriffen und staunend seine „Attraktionen" entdeckten. Daß die neue Schule „die allerschönste" sein mußte, war bei dieser Gelegenheit wohl eine erlaubte Übertreibung. Es soll nicht vergessen werden, daß die Schule in dieser Feier auch der Dichterin gedachte, die ihr den Namen gegeben hatte, weder Pflichtübung noch Huldigung, sondern schlichte Besinnung auf die Droste. Feiern und Feste haben ihre eigenen Gesetze. Wenn der Alltag zurückkehrt, ist die Auseinandersetzung mit der Realität an der Tagesordnung. Nicht anders war es nach dem 17. März 1967. Und zur Realität gehörte auch das neue Haus mit der ihm eigenen Konzeption. Wir hatten während der Wintermonate bereits Erfahrungen mit dem Neubau gewonnen. Am unangenehmsten war uns die zu geringe Luftfeuchtigkeit in den Räumen aufgefallen. Auseinanderzusetzen hatten wir uns auch mit der „Offenheit" des Hauses, Ausdruck einer „offenen Gesellschaft", die die notwendige Einschränkung der Freizügigkeit der Schüler während der Schulzeit sehr erschwerte. Daher immer wieder der Ruf nach einer neuen, besseren Hausordnung!

Der Neubau bezeichnet zweifellos eine wesentliche Zäsur in der Geschichte unserer Schule. Aber das Schulgebäude gibt doch nur den äußeren Rahmen für Leben und Arbeit in der Schule ab. Das sollte sich in den 10 Jahren seines Bestehens deutlich zeigen. Eine wichtige Neuerung war im Schuljahr 1966/67 die Einführung der Koedukation, die das Gesicht der Schule fortan prägte. Das männliche Element, zunächst unterrepräsentiert, macht heute wohl die Hälfte der Schüler aus. 1966 hat die Aufnahme einer großen Zahl von Buben die Schülerzahl ansteigen lassen. Noch entschiedener bewirkte das die Auflage der Stadt für das Kurzschuljahr 1966/67 und das folgende normale Schuljahr 1967/68, alle in den übrigen Schulen nicht unterzubringenden Sextaner aufzunehmen. So kam es, daß das Droste 1967 5 Quinten und 6 Sexten hatte, das hieß 50 Prozent der gesamten Schülerzahl saß in den beiden untersten Klassen — es zeichnete sich ein aus seinen Nähten platzendes Droste-Hülshoff-Gymnasium ab! (Hinter dem Zustrom zu den Gymnasien stand eine Bildungspolitik, die hier nur mit den Stichworten „Student aufs Land" und „Gleichheit der Bildungschancen" angedeutet werden soll.)

Zur internen Notlage — Raumnot, Lehrermangel — kam nun 1968 die sogenannte Studentenrevolte, die auch die Schüler erfaßte. Hier wehte der Wind aus der politischen Ecke. Die Frage nach den Motiven, den Zielsetzungen, den Mitteln der protestierenden Studenten und Schüler kann nicht Gegenstand dieser Ausführungen sein. Es bleibt für das Droste zu konstatieren, daß es seiner stadtfernen Lage wohl verdankte, von der Unruhe und den Störungen weniger betroffen zu sein als andere Schulen Freiburgs. Es war allerdings früher Zielscheibe des Protestes als jene. Im November 1967 wurde die damals in der Schule stattfindende Religiöse Woche durch Aktionen der Humanistischen Studenten-Union unerwartet gestört. Wenn man im nachhinein den Briefwechsel zwischen Direktion, Elternvertreter, Eltern und HSU liest, erkennt man, daß zu diesem Zeitpunkt und in der anstehenden Frage es durchaus möglich war, den Standpunkt der Schule zu vertreten und Einmischung abzuwehren. In der folgenden Zeit war das wesentlich schwieriger oder gar nicht möglich. Trotzdem kam es nicht zum Chaos, wenn es auch kritische Augenblicke gab — davor wurde die Schule bewahrt durch den vernünftigen Einsatz von Schülern und Lehrern. Die Ereignisse dieser Zeit haben, wie überall, eine gewisse Veränderung des Klimas und des Stils bewirkt: ein Indiz dafür ist die von den Schülern gewünschte Abschaffung der feierlichen Schuljahrsabschlußfeier, in ihren Augen ein alter Zopf. Eine gemütliche Zeit war es nicht. Beim Durchblättern des Leitzordners mit seinen zahllosen Flugblättern, Stellungnahmen, Schülerzeitungen, Rundschreiben etc. spürt man das förmlich. Es ist jedoch tröstlich, zwischen dem Flugblatt der „Projektgruppe Internationalismus" und der Veröffentlichung des Arbeitskreises „Dynamische Demokratie" ein hektographiertes Blatt der damaligen Schulsprecherinnen: „Informationen zum Sommerfest" zu finden oder an anderer Stelle den handschriftlichen Dank einer Schulsprecherin an das Kollegium für die Mitwirkung bei den beliebten traditionellen Fasnachtsbällen. Feste wurden also immer noch gefeiert, ebenso wie Landschulheimaufenthalte stattfanden, Reisen nach Berlin gemacht, vergnügliche interne Abiturfeiern abgehalten, Wettkämpfe ausgetragen wurden. Hieran knüpfen sich für Schüler wie Lehrer viele schöne Erinnerungen — sie sollten über so viel Problematik nicht vergessen werden.

 


Die Entwicklung des Droste zur „großen" Schule beginnt, wie wir gesehen haben, 1967. Der damalige Direktor, Herr Ketterer, war gezwungen, die ersten einschneidenden Maßnahmen zu ergreifen: Fachräume, die lange erträumt und erhofft worden waren, wurden als Klassenzimmer benutzt, der große Raum für Klassenarbeiten wurde durch eine Zwischenwand in 2 kleine Klassenzimmer geteilt und ging für seinen Zweck verloren, selbst das kleine SMV-Zimmer „entfremdete" man und machte die Schülervertretung heimatlos. Zeitweilig mußten Räume in der Weiherhofschule in Anspruch genommen werden, so daß der aus der unmittelbaren Nachkriegszeit noch bekannte Pendelverkehr der Lehrer seine Wiederkehr feierte. Im Januar 1970 verlor die Schule ihren Direktor durch den Tod. Er starb nach kurzer, schwerer Krankheit bald nach seinem 60. Geburtstag. Im Dezember desselben Jahres übernahm Herr Oberstudiendirektor Dr. Klocke, bisher Schulleiter in Überlingen, die Schulleitung. Er hat den Höhepunkt des Wachstums der Schule mit annähernd 1000 Schülern, das heißt mit 35 Klassen erlebt und die damit verbundenen Schwierigkeiten zu meistern gehabt. Die Einführung des Fachraumsystems (Schüler wandern!) im Jahre 1972 brachte eine bessere Ausnutzung der vorhandenen Raumkapazitäten und milderte etwas die Raumnot. Aber es waren nicht nur räumliche Probleme mit der Expansion der Schule verbunden. Große Schulen bringen zwangsläufig zahlreiche pädagogische Notstände mit sich. Aus diesem Grunde vor allem wird die rückläufige Bewegung, die eingesetzt hat, von allen Beteiligten begrüßt. Vorausgesetzt, daß empfindliche Störungen unterbleiben, kann der Schrumpfungsprozeß mit einer inneren Konsolidierung verbunden sein. Auch Herr Direktor Klocke mußte sich noch mit Bauprojekten und Bauplänen befassen. Die Turnhalle reichte für die ständig steigenden Schülerzahlen schon bald nicht mehr aus. Grundsätzlich war die Stadt bereit, Abhilfe durch den Bau einer 2. Halle zu schaffen. Erst ein 2. Entwurf jedoch, der in der Größe den Vorstellungen der Sportlehrer und den Normen für Turnhallenneubauten entsprach, brachte die Angelegenheit weiter. Auch um den Standort gab es Auseinandersetzungen: gegen die Spielwiese prote- stierten die Nachbarn, so daß nur der Platz vor der alten Halle übrig blieb. Zu Beginn des Schuljahres 1976/77 konnte die moderne Turnhalle in Betrieb genommen werden — zur Freude der Schule, aber auch der Vereine, die allabendlich die Sporteinrichtungen des Droste benutzen. Wir sind am Ende unserer kurzen Rückschau angelangt. Was die Zukunft unserer Schule in allernächster Zeit bringt, wird sie mit den anderen Gymnasien teilen: die Einführung der reformierten Oberstufe, eine unter Umständen tiefgehende strukturelle Veränderung des Gymnasiums. Was aber ungeachtet dieser oder sonstiger Veränderungen Aufgabe der Schule sein wird und muß, ist nichts Neues, nichts Besonderes: es ist die Aufgabe aller, für die produktive Arbeit die notwendige Atmosphäre zu schaffen, es ist die Aufgabe der Lehrer, der heranwachsenden Jugend verständnisvolle Führung und Hilfe auf dem nicht immer leichten Weg durch die Gymnasialjahre zu geben. Die Rückschau auf die dreißigjährige Geschichte unserer Schule hat gezeigt, daß die Schule als pädagogische Provinz nicht außerhalb des Stromes der Zeit liegt, sondern an allen ihren Strömungen, guten wie schlechten, teilhat. Immer wird die Schule ein Kind ihrer Zeit sein.


Annette - wer ist das?

<span ">Ein paar nicht ganz anständige Bemerkungen
zu einer bemerkenswerten Frau
anläßlich der 50-Jahr-Feier 1996
von Gertrud Rösch

"Willst du als Gattin deine Pflicht erfüllen, Schaff deinem Mann ein traulich schönes Heim. Und gehe stets voran mit gutem Willen, Sei immer seines Hauses Sonnenschein." Solche Aufforderungen richtete man im vergangenen Jahrhundert ganz selbstverständlich an die junge Ehefrau, sie entsprachen den Vorstellungen von der Bestimmung der Frau. Man war lieblich anzusehen, verfügte über etwas Bildung - nicht zuviel, damit der Mann und Ehemann sich nicht auf den Schlips getreten fühlte, wenn seine Frau mit Wissen glänzte, man erfüllte seine Pflichten als Ehefrau und Mutter. Ein junges Mädchen war sittsam, was immer man damals und wir heute darunter verstehen mochte und mögen. Es zeichnete sich aus durch Demut, Bescheidenheit, der Bereitschaft zur Unterwerfung unter die, als naturgegeben behauptete, männliche Dominanz und durch Naivität. Wenn hundert Jahre später eine Mädchenschule mit dem Namen einer Dichterin aus eben jener Zeit benannt wird, dann fragen wir Nachgeborenen uns, was es damit auf sich hat. War sie auch so, wie die Mehrzahl der Frauen zu sein hatte und wahrschein-lich auch war? Lebte sie auf den Tag hin, an dem der ihr bestimmte Gatte an der Tür auftauchte und ein zartes "mein Lieb" hauchte, wie uns die schmalzigen Romane des letzten Jahrhunderts glauben machen wollen? Wer ist diese Frau, deren Novelle "Die Judenbuche" wir immer noch als Lektürevorschlag im Lehrplan finden? Hier soll keine literarische Würdigung der Annette von Droste-Hülshoff geschehen. Dazu haben wir massenweise Literatur, an ihr haben sich Studenten, Assistenten und Professoren der Literaturwissen-schaft die Finger wundgeschrieben. Vielmehr interessiert der Mensch, interessiert aber auch das Motiv, unserer Schule den Namen dieser ungewöhnlichen Frau gegeben zu haben. Als Mädchen und Frau war Annette eine gelinde Katastrophe. Sie hatte eine heftige Natur und eine ausufernde Phantasie. Ihre Mutter, eine literarisch interessierte Frau, fürchtete manchmal, das Kind werde überschnappen. Das Temperament des jungen Mädchens täuschte darüber hinweg, daß Annette um ein Haar gar nicht überlebt hätte. Als sie im Januar 1797 zur Welt kam, war sie eine mickerige Frühgeburt, die ständig gewärmt, gefüttert und versorgt werden mußte. Ihre Amme Katharina Plettendorf schaffte es mit viel Mühe, dieses Würmchen aufzupäppeln. Aber in dem zarten Körper, der auch in den Folgejahren immer kränkelt, wohnt ein leben-diger, intelligenter und stets zum Widerspruch neigender Geist. Kann man sich vorstellen, was es für ein junges Mädchen heißt, nach außen die Sittsame zu spielen und innen ganz anders zu fühlen? Ich stelle mir vor, wie Annette unter den jungen Leuten, mit denen sie bei der Stiefgroßmutter von Haxthausen in Bökendorf zusammentrifft, sich bewegt. Man spielt Gesellschaftsspiele mit den zahllosen Cousins und Cousinen, von denen es 14 gegeben hat, dazu deren Freunde, man diskutiert über alle Fragen des Lebens und Annette mitten unter ihnen. Hier kann sie ihre wache Intelligenz zeigen. Aber ist das erwünscht? Wilhelm Grimm, der auch zum Kreis gehört und mit seinem Bruder Jacob schon Bücher veröffentlicht hat, fühlt sich irritiert von dieser jungen Göre. Er ist pikiert über ihre Respektlosigkeit ihm gegenüber und versucht ihre Überheblichkeit zu dämpfen. Was nutzt es - sie verspottet ihn nur. Doch neben dieser selbstbewußten Überheblichkeit steht das Bewußtsein, nicht dazu zu gehören. Sie dichtet:

Und dann sind da noch die Gefühle, die ein junges Mädchen ganz natürlich entwickelt, wenn es einen netten jungen Mann trifft. Heute besingt ein Schlager die "Schmetterlinge im Bauch", damals fühlte man genauso. Oder etwa nicht? Annette gerät in eine schwierige, geradezu ausweglose Situation zwischen zwei junge Männer: Heinrich Sträube, der sich das Aussehen und das Gehabe eines jungen geniali-schen Dichters gibt, und August von Arnswald, der ihr den Kopf verdreht. Immerhin ist Annette da schon 23 Jahre alt, aber so naiv, daß sie die Intrige, die dabei mitspielt, nicht durchschaut. Armes Mädchen! Wir werden nie erfahren, wie sich die Affäre wirklich abgespielt hat, aber sie schließt Annette von Droste-Hülshoff aus dem Kreis der Freunde aus. Ein Brief an die Verwandtschaft und die Familie enthüllt die angebliche Gefühllosigkeit, ihre Kälte und Koketterie. Ganz klar, daß so eine nicht zum Kreise der jungen Adligen paßt, ganz zu schweigen von einer standesgemäßen Ehe. Annette zieht sich für Jahre schweigend zurück. Doch ihre Dichtung bleibt ihr und mag ihr auch eine Stütze gewesen sein in ihrer großen Verunsicherung. Sie wendet sich geistlichen Themen zu, aber ihre Stärke entfaltet sich in ihrer Naturdichtung. Dabei spielt die westfälische Landschaft eine herausragende Rolle. Schloß Hülshoff und später Rüschhaus, wo sie mit der verwitweten Mutter lebt, sind zusammen mit dem Münsterland Motiv und Gegenstand ihrer Dichtungen. Hier fühlt sie sich geborgen und ange-nommen. Die Natur ist für sie Spiegel und Gegen-bild ihrer Gefühle. Doch was ist mit dem Menschen Annette? Als unverheiratete Frau, die zudem noch dichtet, hat sie keine Lobby, würden wir heute sagen. So schreibt sie für die Schublade und für den einen oder anderen, der ihre Dichtungen zu schätzen weiß. Einer ist es ganz besonders, der Sohn ihrer früh verstorbenen Freundin Katharine Schücking, geborene Busch, Levin Schücking. Ihm, dem sehr viel Jüngeren, fühlt sie sich seelenverwandt, er sieht in ihr die Freundin, den Freund, die Mutter, die Schwester. Was sieht sie in ihm? Die Gesellschaft ist schnell bei der Hand mit Verurteilung, mit Klatsch und Tratsch. Als Annette im September 1841 zu der mit dem Freiherrn von Laßberg verheirateten Schwester Jenny nach Schloß Meersburg am Bodensee reist, kommt wenige Wochen später auch Levin Schücking dorthin. Seine Anwesenheit wird recht diskret behandelt, trotzdem weiß bald ganz Münster davon und betrachtet es als verabredetes Rendezvous. Auch in dieser Angelegenheit können wir heute keine Klarheit mehr gewin-nen, ich halte es auch für unerheblich. Was täten wir Heutigen wohl? Wahrscheinlich lüde man Frau von Droste-Hülshoff zu einer Talk-Show ein, vielleicht gemeinsam mit dem jungen Mann, und befragte sie zu ihrer Beziehung. Die Verbindung der beiden ist nicht von Dauer, im April 1842 verläßt Schücking die Meersburg, und damit trennt er sich auch von seiner Freundin. Aller-dings schreiben sie sich noch einige Jahre Briefe, bis es 1846 zum Bruch zwischen ihnen kommt. Und nun beginnt die große Wirkung der Droste nach außen. Im gleichen Jahre erscheint ihre Novelle "Die Judenbuche" bei Cotta und macht sie auf einen Schlag berühmt, verhilft auch den anderen Dichtungen zum Erfolg und ... macht die Dichterin zu einer wohlhabenden Frau. Denn auch das muß man bei Annette von Droste-Hülshoff sehen: sie hat nie Geld gehabt. Das väterliche Erbe geht zum größten Teil an den Bruder Werner, der auf Hülshoff lebt. Annette und die Mutter bescheiden sich mit einer kleinen Pension und dem Witwensitz Rüschhaus. Doch lange kann sie sich am neu erworbenen Wohlstand nicht erfreuen, denn am 24. Mai 1848 stirbt sie in Meersburg und wird auch dort begraben.

Als 1948 unserer Schule der Name Droste-Hülshoff gegeben wird - übrigens ohne Lehrer und Schüler zu fragen -, hat man sicher zuerst an die räumliche Nähe Freiburgs zum Bodensee gedacht. Aber Annette von Droste-Hülshoff ist eine Westfälin aus dem Münsterland, einer Landschaft, die einen Menschenschlag von herbem Gemüt, Verschlossenheit und oft dunkler Schwermut hervorgebracht hat. Dann bedachte man wohl auch, daß es einer Mädchenschule wohl anstehe, wenn sie den Namen einer Dichterin trüge. Doch wenn ich zurückdenke an die gesellschaftlichen Konventionen der Jahre nach dem Kriege, zweifle ich, ob die geistige Unabhängigkeit dieser ungewöhnlichen Frau, ihr Wunsch, wie ein Mann leben zu können, zu reisen, Abenteuer zu erleben, unabhängig zu sein, bei der Namensgebung mitbedacht wurde und mit ihr der Wunsch einherging, die Schülerinnen dieses Gymnasiums möchten einmal die Träume der Annette von Droste-Hülshoff verwirklichen. Sie haben es zum größeren Teil getan, nicht weil sie aus einer Schule mit diesem Namen gekommen sind, sondern weil die Zeit sich gewandelt hat.